Ich hatte die Freude im dpr spezial „E-Learning“ einen Artikel zu o.g. Thema verfassen zu dürfen. Schön aufbereitet und kostenfrei zu finden unter: https://digital-publishing-report.de/magazine/spezial-elearning/ (E-Mail-Adresse muss angegeben werden).
Hier mein Text (nicht aufbereitet):
Generative KI und Ihre Rolle für Instruktionsdesigner und Lernmedienhersteller
Wandel und technologische Sprünge
Seit fast 15 Jahren bin ich in der Produktion von Lernmedien tätig und ich habe in dieser Zeit viele technologische Entwicklungen miterlebt. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als ich interaktive Elemente in Web Based Trainings mit älteren Versionen von Articulate Storyline mühsam händisch zusammenbauen musste. Heute generiere ich sie mit einem Klick in Articulate Rise. Die Lernvideoproduktion war ebenfalls ein komplexer und langwieriger Prozess: Meine ersten Erklärvideos erstellte ich mit handgefertigten Grafiken und arbeitsintensiven Animationen in Adobe Premiere und After Effects. Diese Videos standen in Sachen visueller Qualität weit hinter dem, was heute meine Kursteilnehmer in ihrem ersten Lernvideokurs mit Tools wie Simpleshow oder Vyond in kürzester Zeit erstellen.
Die Technik hat also einen Großteil der medialen Aufbereitung übernommen. Während die Anforderungen an technische Fähigkeiten in der Medienproduktion gesunken sind, haben sich die Qualität und die Möglichkeiten der Interaktivität stark verbessert, und die Produktionszeiten haben sich drastisch verkürzt. Doch eines blieb bisher konstant herausfordernd und in Menschenhand: die didaktische Planung. Das Erstellen eines sinnvollen didaktischen Konzepts, die clevere Reduktion komplexer Inhalte und die Anwendung von aktivierenden Elementen waren nach wie vor Kernkompetenzen, die durch technologische Hilfsmittel kaum erleichtert werden konnten. Doch nun erleben wir einen völlig neuen Sprung in der Technologie: die Einführung und rasante Weiterentwicklung der generativen KI. KI kann nicht nur Inhalte automatisch erstellen, sie greift mittlerweile auch tief in kreative und didaktische Prozesse ein – und das auf einem Niveau, das uns zu neuen Fragen führt:
Wie beeinflusst das unsere Rolle als Instruktionsdesigner?
Was bleibt von unserer Arbeit?
Werden wir überhaupt noch gebraucht?
Wie ändert sich Lernmedienproduktion mit generativer KI?
Hier möchte ich mit einem kleinen Beispiel starten:
Ich habe 2021 bei einem Kunden den Podcast als neues Lernmedium für interne Schulungen eingeführt und über mehrere Staffeln produziert.
Zu dieser Zeit hat die Produktion eines Podcasts Wochen gedauert (und viel Budget verschlungen) – beginnend bei der Konzepterstellung, der Staffel- und Folgenplanung, Sprechertext-Erstellung, über das Einsprechen mit professioneller Hardware, bis hin zur Nachbearbeitung und dem Schnitt.
Heute kann ich dies in wenigen Stunden mithilfe verschiedener KI-Tools durchführen. Ein Tool wie ChatGPT generiert innerhalb von Sekunden ein Konzept und eine Inhaltsplanung, die nicht allzu viel Überarbeitung benötigt. Auch der Sprechertext ist für so ein Large Language Model ein Klacks. Die Sprachsynthese (Text to Speech, Erstellung des gesprochenen Textes aus dem geschriebenen Text) übernimmt ein Tool wie ElevenLabs. Mit Udio oder Suno noch schnell den Intro-Song erstellen, und MidJourney liefert das passende Logo. Dies zeigt, wie weit die Automatisierung bereits in den kreativen Prozess eingegriffen hat. Auch wenn die Qualität noch nicht in allen Bereichen perfekt ist, lassen die Fortschritte (siehe automatische Lernpodcasts mit google Notebook NL) keinen Zweifel daran, dass dies bald zur Norm wird.
An dieser Stelle folgt die gute Nachricht für alle aktiven Lernmedienersteller: Trotz dieser beeindruckenden Fähigkeiten bleibt eine wesentliche Herausforderung bestehen: KI produziert generische Inhalte, macht Fehler und hat nicht dieses feine „Gefühl für den letzten Feinschliff“. Es liegt an uns, diese Inhalte fachlich und didaktisch zu validieren, anzupassen und zu individualisieren. Unsere „echten“ Beispiele zu ergänzen und eine Prise sehr menschlichen Humors zu integrieren. Hier zeigt sich, dass unsere Rolle nicht wegfällt, sondern sich verändert: Wir werden im ersten Schritt zu didaktischen Promptern, die der KI klar kommunizieren, was sie zu tun hat und im zweiten Schritt zu Kuratoren und Veredlern der Inhalte, die von der KI erstellt werden.
Neue Anforderungen und Kompetenzen: Die Rolle des Instruktionsdesigners verändert sich
In diesen Zeiten, in denen sich die Lernmedienproduktion in einem solchen Wandel befindet, geht es weniger denn je um die Beherrschung von Produktionssoftware, sondern zunehmend um das Verständnis und den Einsatz von KI sowie das Kombinieren unserer Didaktik mit KI-Fähigkeiten. Die Fähigkeit, Tools wie ChatGPT, ElevenLabs oder MidJourney zu nutzen, wird zu einem unverzichtbaren Skill für Instruktionsdesigner. Doch neben diesen neuen technischen Fähigkeiten bleibt die didaktische Expertise entscheidend.
Ein zentraler Punkt, den ich als Kernnutzer generativer KI-Systeme aus meiner Erfahrung wiedergeben kann: KI weiß nicht, was sie tut. Sie ist nicht bewusst und agiert nicht intentional. Auch wenn sie beeindruckende Konzepte erstellt, kann sie keine „sicheren“ pädagogisch-didaktischen Entscheidungen treffen. Daher müssen wir als Experten die erstellten Inhalte weiterhin kritisch bewerten, anpassen und in den Lernkontext einbetten.
Beispielsweise generiert ChatGPT zwar plausible Lernsequenzen, doch diese sind oft standardisiert und benötigen unseren Feinschliff, um wirklich aktivierend und lernwirksam zu sein. Der Mensch bleibt also der Steuermann in einem Prozess, in dem die KI als neues, mächtiges Werkzeug (aber eben nur Werkzeug) fungiert.
Mein Blick in die Glaskugel
Der (rein technische) Aufwand, den wir bei der Lernmedienproduktion leisten müssen, wird sich weiterhin und wahrscheinlich noch stärker reduzieren und uns noch mehr Freiräume schaffen, uns auf effektive und effiziente sowie menschorienterte Didaktik zu konzentrieren. Wir werden uns gleichzeitig auf immer wieder neue technische, rechtliche und ethische Hürden konzentrieren müssen. Je mehr wir die Automatisierung in das Umfeld des Lernens integrieren, desto größer wird die Frage: Wer trägt die Verantwortung, ob und wie das Lernen funktioniert, wer trägt die Verantwortung, wenn Lerninhalte falsch, ethisch unpassend oder didaktisch schlecht aufbereitet sind?
Wie stellen wir sicher, dass die Lerninhalte nicht nur effizient, sondern auch effektiv / wirkungsvoll sind. Technologie kann keine Verantwortung dafür übernehmen – sie muss von Experten überwacht und begleitet werden, um ihren maximalen Nutzen zu entfalten.
Konklusion: Mensch und Maschine wachsen mal wieder stärker zusammen
„Generative KI ist mehr als ein Hype“ war meine Startstatement bei einer Keynote auf dem Bayerischen Bibliothekstag 2023. So sehe ich das weiterhin. KI revolutioniert die Art und Weise, wie wir Lernmedien erstellen. Die Geschwindigkeit, mit der Inhalte produziert werden können, und die enorme Entlastung bei technischen und gestalterischen Aufgaben werden unsere Effizienz immens steigern. Doch die Rolle des Instruktionsdesigners bleibt zentral. Wir müssen nicht nur die Technologie beherrschen, sondern auch weiterhin sicherstellen, dass die erzeugten Inhalte den didaktischen und pädagogischen Anforderungen entsprechen.
KI als Werkzeug zu verstehen und richtig einzusetzen, wird zum Basiskompetenzfeld für jeden Instruktionsdesigner und Lernmedienersteller. Doch letztlich bleibt die menschliche Kreativität, Erfahrung und Urteilskraft entscheidend, um Inhalte zu gestalten, die wirklich effektiv sind. Die KI mag die Arbeit erleichtern, aber es braucht uns weiterhin, um den Lernenden nicht nur Wissensinhalte „vorzusetzen“, sondern auch Lernprozesse nachhaltig zu gestalten.
Für mich ist die KI in dem Kontext nicht nur als Werkzeug / Inhaltsproduzent, sondern als Partner und / oder Assistent zu sehen mit der ständigen Bereitschaft uns bei der Entwicklung innovativer und wirkungsvoller Lernmedien zu unterstützen. Wir als Instruktionsdesigner sind gefordert, diesen Wandel aktiv mitzugestalten und unsere Fähigkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln – denn nur so können wir sicherstellen, dass das Lernen von morgen nicht nur digitaler wird, sondern auch menschlich bleibt.